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Arbeitsgruppe FES- Wien:
Hofmann S. (1), Kratochwill Ch. (2),
Koller-Strametz J. (2), Hopf R. (3), Huemer G.
(4) Wagner E. (1), Schlag G. (3), Salzer M. (1)
1) Orthop. KH-Gersthof
2) Univ. Klinik Innere Med. II. Abt. für
Kardiologie
3) Ludwig Boltzmann Inst. f. exper.
Traumatologie
4) Univ.-Klinik für Anaesthesie und
Intensivtherapie |
Zusammenfassung
Aufgrund eines in der Autopsie
gesicherten FES-Todesfällen nach zementfreier Hüft-TEP
wurde durch zwei aufwendige klinische Studien erstmals
das FES in der zementfreien Hüftendoprothetik untersucht.
In der ersten Studie erfolgte die Registrierung der
intraossären Druckveränderungen (IOD) im Femur bei 20
Patienten. In einer zweiten Studie wurden bei 10
Patienten mit zementfreier Hüft-TEP intraoperativ der
IOD und die Fettmarksausschüttungen in die Blutstrombahn
sowie die perioperativen kardiorespiratorischen
Veränderungen untersucht. Dabei erfolgte die Operation
bei 5 Patienten konventionell und bei 5 Patienten nach
einer modifizierten Op-Technik zur Vermeidung von
IOD-Spitzen. Vor, während, und bis 24 Std. nach der
Operation wurden die kardiorespiratorischen Parameter
mit einem Pulmonalarterienkatheter, einer invasiven
arteriellen Druckmessung, der Pulsoxymetrie, der
Kapnometrie und arteriellen Blutgasanalysen erfasst. Die
Dokumentation von Fettmarksausschüttungen in die
Blutstrombahn erfolgte intraoperativ mit der
transoesophagealen Echokardiographie (TEE) zur
Darstellung der Fettmarksausschüttungen im rechten
Vorhof. Zum Substratnachweis der Echos wurde ein
fluoreszenzmikroskopischer Fettglobulinachweis (Gurd-Test)
aus dem rechten Vorhofblut durchgeführt.
Die
IOD-Messungen und in Korrelation dazu auch die
Fettmarksausschüttungen in der TEE waren für die
modifiziert operierte Gruppe signifikant niedriger im
Vergleich zur konventionell operierten Gruppe. Der Gurd-Test
ergab in 69% der untersuchten Proben Fettmarksglobuli im
rechten Vorhofblut. Die kardiorespiratorischen Messungen
zeigten in der konventionell operierten Gruppe
signifikante postoperative Verschlechterungen bei der
arteriellen Sauerstoffsättigung (paO2),
pulsoxymetrischen Sauerstoffsättigung (paSO2), der
Atemfrequenz (AF) und dem mittleren
Pulmonalarteriendruck (PAMP) im Vergleich zum
präoperativen Ausgangswert. In der modifiziert
operierten Gruppe gab es dagegen keine wesentlichen
postoperativen kardiorespiratorischen Veränderungen.
Alle Patienten der konventionell operierten Gruppe, aber
nur 1 Patient der modifiziert operierten Gruppe
entwickelten postoperativ ein klinisch manifestes FES.
In den meisten Fällen verläuft das FES harmlos und
bildet sich spontan wieder zurück. Bei eingeschränkter
kardiospiratorischer Funktion und massiver
Fettmarkausschüttung kann das FES jedoch auch tödlich
enden.
Mit dieser
Studie konnte gezeigt werden, dass in allen untersuchten
Fällen eine Fettmarksausschüttung während der Operation
aufgetreten ist. Mit der modifizierten Operationstechnik
waren jedoch die IOD-Spitzen, die
Fettmarksausschüttungen und die kardiorespiratorischen
Veränderungen signifikant geringer als in der
konventionell operierten Gruppe. Wir empfehlen daher für
die zementfreie Hüftendoprothetik eine modifizierte Op-Technik
zur Vermeidung von IOD-Spitzen. Weiters fordern wir eine
intraoperative Überwachung mit der Kapnometrie und eine
Überwachung mit der Pulsoxymetrie bis 24 Std.
postoperativ zur Früherkennung eines FES.
Einleitung:
Das Fettemboliesyndrom (FES) als
schwerwiegende Komplikation in der zementierten
Hüftendoprothetik ist sei 1970 bekannt 1,2. Die
kardiorespiratorischen Veränderungen beinhalten eine
respiratorische Insuffizienz mit Dyspnoe und Hypoxie,
Tachycardie mit Hypotension bis hin zum Herzstillstand
mit Todesfolge 3,4. Bereits 1974 wurde der kausale
Zusammenhang zwischen der intraossären Drucksteigerung
und dem FES bei zementierten Prothesen nachgewiesen 5,6.
Erst in den letzten Jahren gelang die Darstellung der
Fettmarksausschüttung mit der transösophagealen
Echokardiographie (TEE) bei zementierten Hüft-TEP7,8,
sowie der histologische Nachweis von Knochenmarksemboli
in Blutentnahmen aus der Vena cava inferior im
Tierversuch 9. Durch diese Untersuchungen konnte die
Pathogenese des FES in der zementierten
Hüftendoprothetik weitgehend aufgeklärt werden.
Zahlreiche Veröffentlichungen 1,2,3,4,10-15 sind über
das FES in der zementierten Hüftendoprothetik erschienen.
Patterson15 gibt die Inzidenz eines FES mit Todelfolge
nach zementierter Hüft-TEP mit 1 - 10% an. Im Gegensatz
dazu gibt es bisher in der Literatur keine Berichte über
klinisch manifeste FES in der zementfreien
Hüftendoprothetik. Die Korrelation der intraossären
Drucksteigerung mit histologisch nachgewiesenen
Fettmarksemboli in der Lunge nach Implantation eines
zementfreien Stabes in den distalen Femur ist im
Tierversuch erstmals Orsini 16 gelungen. die
Veränderungen des intraossären Druckes (IOD) bei der
Einbringung des intramedullären Führungsstabes in den
Femur bei zementfreien Knie-TEP und die daraus
resultierenden kardiopulmonalen Veränderungen wurden
bereits von Fahmy 17 beschrieben. Über zwei klinisch
manifeste FES-Fälle bei der Implantation von
zementfreien Knie-TEP berichtete Monto 18 1990. Das
IOD-Verhalten im Femur bei der Implantation von
zementfreuen Hüft-TEP und die dabei zu beobachtenden
kardiorespiratorischen Veränderungen sind jedoch bisher
nicht beschrieben worden. Anlässlich von zwei in der
Autopsie gesicherten FES-Todesfällen nach zementfreier
Hüft-TEP haben wir in einer ersten prospektiven Studie
die intraossären Druckveränderungen im Femur während der
Schaftpräparation bei zementfreien Hüft-TEP gemessen. In
einer zweiten prospektiven Studie haben wir zusätzlich
zur IOD-Messung versucht, intraoperativ die
Fettmarksausschüttungen in die Blutstrombahn sowie das
klinische Auftreten eines FES nach der Implantation von
zementfreien Hüft-TEP nachzuweisen. Weiters wurde dabei
eine von uns zur Vermeidung von intraossären
Druckspitzen entwickelte modifizierte Operationstechnik
19 mit der konventionell in der zementfreien
Hüftendoprothetik üblichen Operationstechnik verglichen.
Fallbeschreibungen:
Bei 2 Patientinnen (51 und 71 Jahre)* ereignete sich
nach zementfreier Hüft-TEP ein tödlicher Herzstillstand
mit in der Autopsie nachgewiesener Fettembolie als
Todesursache: Präoperativ entsprachen die Patientinnen
einem altersentsprechenden Risikoprofil (bis ASA III)**.
Bei beiden verlief die Operation technisch schwierig und
die Manipulation am Knochen war überdurchschnittlich
lang. Postoperativ waren die Patientinnen subjektiv
beschwerdearm und boten keinen Hinweis auf ein akutes
kardiorespiratorisches Geschehen. 12 Stunden bzw. 72
Stunden nach dem Eingriff kam es bei beiden zu einem
Herzkreislaufstillstand mit tödlichem Ausgang nach
erfolglosen Reanimationsversuchen.
Patienten
und Methode Studie I:
Bei 20 zementfreien Hüft-TEP, 13
Frauen und 7 Männer mit einem Durchschnittsalter von 74
Jahren (48 bis 82) wurden intraoperativ während der
Schaftpräparation die intraossären Druckschwankungen
gemessen. Die Druckmesssonde hatte einen Durchmesser von
3,6 mm und wurde luftdicht in das distale Drittel des
Femurs vor der Schaftpräparation eingeschraubt. Der mit
NaCI gefüllte Druckschlauch wurde mit einem
Druckumwandler und Einkanalschreiber verbunden (Abb. 1),
wobei besonders darauf geachtet wurde, dass sich keine
Lufteinschlüsse im System befinden. Die intraossären
Druckschwankungen wurden während der gesamten
Präparation am Femur registriert, wobei ein Nullabgleich
mit der Atmosphäre bei jeder Lageänderung des Beines von
der Position 1 (Normalstellung gestreckt) in die
Position 2 (maximale Adduktion und Aussenrotation bei
der Schaftpräparation) und umgekehrt durchgeführt wurde.
Mit der IOD-Messung können pulssynchrone , sinusartige
Druckschwankungen mit einem systolischen und
diastolischen Wert im Femur registriert werden. Diese
pulssynchronen Druckschwankungen signalisieren ein
funktionierendes Druckmesssystem und waren damit
Voraussetzung für die Messung des Basisdruckes und der
auftretenden Druckspitzen (Abb. 3). Bei Verstopfung der
Messkanüle wurde mit 1 bis 5 ml Kochsalz über einen
Dreiweghahn durchgespült bis wieder pulssynchrone
Schwankungen registriert werden konnten.
Aufgrund der
beobachteten Druckveränderung im Femur haben wir eine
modifizierte Operationstechnik zur Vermeidung von
IOD-Spitzen während der Präparation am Femur entwickelt:
1). Die Eröffnung des Markraumes nach Absetzen des
Schenkelhalses erfolgt möglichst schonungsvoll mit dem
Kastenmeissel und dem scharfen Löffel. Dabei wird im
Bereich des späteren intertochantären Prothesensitzes
die Spongiosa vollständig entfernt. 2)
____________________________
* Für
die Überlassung der Unterlagen eines Falles danken wir
Herrn U. Dorn, LKH Salzburg, Abt. für Orthopädie
** Präoperative Narkoserisikoeinschätzung der American
Society of Anesthesiologists (ASA)
Die Instrumente (Löffel, Sauger, Raspel und Prothese)
werden möglichst behutsam in den Markraum eingebracht.
3) Das anfallende Knochenabraummaterial wird nach jedem
Arbeitsgang mit dem scharfen Löffel auskürettiert und
anschliessend ausgespült (Tab. 1).
Die Patienten wurden prospektiv 3 Gruppen zugeteilt.
Gruppe 1: konventionelle Op-Technik (n=8), Gruppe 2:
konventionelle OP-Technik mit distaler
Entlastungsbohrung (n=4), Gruppe 3: modifizierte OP-Technik
(n=8). Die distale Entlastungsbohrung wurde mit dem
Standardinstrumentarium für die Zementiertechnik (Vakuum-Zementier-System,
Firma Merck, Darmstadt) im distalen Femur angebracht.
Eine zusätzliche Absaugung mit Vakuum wurde in 2 Fällen
durchgeführt. Die Mittelwerte mit den
Standardabweichungen der maximalen Druckspitzen während
der einzelnen Präparationsschritte (Basisdruck 1 in der
Position 1 und Basisdruck 2 in der Position 2,
Markraumeröffnung, Präparation mit den Raspeln und
Protheseneinbringung) wurden ausgewertet und die 3
Gruppen statistisch miteinander verglichen.
Implantiert wurden zementfreie KS- oder
Zweymüllersysteme (Firma Intraplant bzw. Allopro) mit
dem handelsüblichen Operationsinstrumentarium nach
vorheriger Grössenbestimmung am präoperativen
Massstabbild. Das Gesamtvolumen beider Prothesentypen,
die Form und Grössen der Raspeln sowie die
Implantationstechnik dieser beiden Systeme sind
miteinander vergleichbar.
Patienten
und Methode Studie II:
Bei 10 Patienten (6 Frauen und 4
Männer) mit einem Durchschnittsalter von 68 Jahren (46
bis 78) und einem altersentsprechenden Operationsrisiko
(bis ASA III) wurde am Vortag einer geplanten
zementfreien Hüft-TEP ein Pulmonalarterienkatheter zur
Ermittlung der erweiterten hämodynamischen Paramater
eingeschwemmt. Weiters wurden das Herzminutenvolumen
(HMV) und die Auswurffraktion pro Herzschlag (EF)
bestimmt (REF-Katheter und Computer, Baxter AG,
Dietlikon). Die Erfassung der respiratorischen
Ausgangswerte erfolgte mittels Pulsoxymeter (PO) und
arterieller Blutgasanalyse (BGA) (sh. Tab. 2).
Die
Operationen wurden in einer standardisierten Vollnarkose
durchgeführt. Alle Patienten erhielten 1 Stunde vor dem
Eingriff 0,25 mg Halcion® als Prämedikation. Die
Narkoseeinleitung erfolgte mittels Injektionsnarkotikum
(Hypnomidate®) und Morphinderivaten (Fentanyl®). die
endotrachiale Intubation wurde mittels eines
Muskelrelaxans (Tracrium®) durchgeführt. Die Narkose
wurde mit einer kontrollierten Lachgas/Sauerstoffbeatmung
und wiederholten Dosen von Fentanyl® und Tracrium®
aufrechterhalten. Zur kontinuierlichen Überwachung der
kardiorespiratorischen Parameter (sh. Tab. 2) während
der Operation kamen als Monitorsysteme neben der
Pulmonalartheriendruckmessung eine Kapnometrie, eine
Pulsoxymetrie, ein EKG, eine invasive arterielle
Blutdruckmessung and arterielle Blutgasanalysen zum
Einsatz (Abb. 1). Die intraoperativen Daten wurden mit
Hilfe eines Trendmonitorsystems (Spacelab PC1 mit
Multiparametermodul und 4 Kanalschreiber, Firma Dräger,
Wien) angezeigt und abgespeichert. Nach Erreichen eines
"steady state" über mindestens 15 Minuten blieb die
Respiratoreinstellung unverändert, da dies die
respiratorischen Parameter beeinflussen könnte. Die
intraoperativen Werte sind lagerungs- und narkosebedingt
nicht mit den präoperativen Werten vergleichbar. Aus
diesem Grund wurde der intraoperative Ausgangswert nach
Erreichen des "steady-state" gemessen (intra 1) und mit
dem intraoperativen Wert nach Beendigung der Präparation
am Femur (intra 2) verglichen (Abb. 2) und statistisch
ausgewertet.
Bei den
Patienten wurden postoperativ bis zum nächsten Tag über
24 Stunden die kardiorespiratorischen Parameter (Tab. 2)
mit dem Pulmonalarterienkatheter, Pulsoxymeter,
arterieller Blutgasanalyse sowie invasiver arterieller
Blutdruckmessung aufgezeichnet. Die Patienten erhielten
routinemässig eine Antibiotikaprophylaxe, eine
Thromboseprophylaxe mit niedermolekularen Heparinen,
eine Blutsubstitution mit Eigen- oder Fremdblut, eine
parenterale Flüssigkeitszufuhr mit ausgeglichener
Flüssigkeitsbilanz sowie eine Schmerztherapie mit
Opioiden. Weiters wurde eine Sauerstoffinsufflation mit
4- 6 Liter O2/min über eine Sauerstoffmaske bis zum
nächsten Tag durchgeführt. 8 und 24 Stunden postoperativ
wurde die Sauerstoffinsufflation für 30 min im Rahmen
eines Provokationstest unterbrochen und dabei zusätzlich
zum Dauermonitoring eine arterielle Blutgasanalyse mit
und ohne Sauerstoffinsufflation durchgeführt. Die
postoperativen Daten wurden 2 Stunden (post 1), 8
Stunden (post 2) sowie 24 Stunden (post 3) ermittelt,
mit den präoperativen Ausgangswert (prä) verglichen und
statistisch ausgewertet (Abb. 2).
Die
Registrierung der intraossären Druckschwankungen im
Femur während der Präparation des Schaftes erfolgte wie
im Teil I der Studie. Da zur Präparation des Markraumes
eine unterschiedliche Anzahl von Raspeln zur Anwendung
kamen, erfolgte im Teil II der Studie eine Auswertung in
drei Gruppen. Raspelgruppe 1 entsprach den ersten beiden
Raspelgrössen, Raspelgruppe 2 den mittleren
Raspelgrössen und Raspelgruppe 3 den beiden grössten
jeweils verwendeten Raspeln. Die restliche Auswertung
der IOD-Veränderungen erfolgte analog dem ersten Teil
der Studie. Implantiert wurden wiederum zementfreie KS-
oder Zweymüllersysteme.
Zum Nachweis
einer Fettmarkausschüttung aus dem Knochen in das venöse
Gefässsystem wurde nach Einleitung der Narkose der
rechte Vorhof und der rechte Ventrikel mit der
transösophagealen Echokardiographie (Vingmed 800 mit 5,0
MHz monoplaner Oesophagusschallkopfsonde, Firma
Diasonics, Wien) während der gesamten Operationsdauer
auf einem Monitor im 2-Kammerblick überwacht (Abb. 1)
und das Ultraschall-Bild mit Uhrzeit auf einem
Bandträger abgespeichert. Dabei konnten wir beobachten,
dass Infusionen Echos im rechten Vorhof erzeugen.
Besonders stark sind diese "Infusionsechos" bei
Verwendung von Plasmaexpandern und bei Gabe über den
Pulmonalarterienkatheter direkt in die obere Hohlvene.
Während der Präparation am Femur wurde daher die
Flüssigkeitszufuhr für den Patienten über die peripheren
und zentralen Zugänge unterbrochen, da die im rechten
Vorhof in der TEE zu beobachtenden "Infusionsechos" eine
Fettmarksausschüttung vortäuschen können.
Unmittelbar
nach Auftreten von massiven Ultraschall-Echos wurden
Blutabnahmen aus dem rechten Vorhof über den
Pulmonalarterienkatheter durchgeführt. Die Analyse der
entnommenen Blutproben erfolgten nach einem
modifizierten Gurd-Test 20 zum
fluoreszenzmikroskopischen Nachweis von Fettmarksglobuli
im Blut (Abb. 1). Zusätzlich wurde routinemässig zu
Beginn der Operation Vorhofblut zur Bestimmung eines
Ausgangswertes und nach Abschluss der Präparation am
Femur Vorhofblut zur Bestimmung eines Abschlusswertes
abgenommen. Weiters wurde gemeinsam mit dem Gurdtest
eine Blutentnahme aus dem rechten Vorhof für die
Bestimmung des Gesamthämoglobins, der Erythrozyten,
Leucozyten und Thrombozyten sowie des
Differentialblutbildes durchgeführt.
Die während
der Schaftpräparation registrierten Echos wurden
semiquantitativ ausgewertet und in 4 Schweregrade
eingeteilt (Grad O: keine Echos, Grad 1: vereinzelte
Echos, Grad 2: gehäufte Echos, Grad 3: bildfüllende
Echos (=Schneegestöber), Grad 4: Makroembolus) (Abb. 4).
Die Mittelwerte der maximalen IOD-Veränderungen sowie
die Mittelwerte der maximalen Echos während der
einzelnen Präparationsschritte wurden ausgewertet und
die Unterschiede zwischen der modifizierten und
konventionellen Op-Technik statisch berechnet.
Zur
morphologischen Verifikation der registrierten Echos
wurde der Gurd-Test jeweils als positiv oder negativ
bewertet. Die Trefferquote der positiven Ergebnisse
während den einzelnen Präparations- und
Ausschüttungsphasen wurden in Prozent angegeben. Die
Mittelwerte des Gesamthämoglobins, der Erythrozyten,
Leucozyten und Thrombozyten sowie das Verteilungsmuster
im Differentialblutbild der beiden Gruppen wurden
ausgewertet und statistisch verglichen.
Für die
Diagnose eines klinisch manifesten FES mussten
mindestens zwei der in der Tabelle 3 angeführten intra-
oder postoperativen Kriterien erfüllt sein. Andere
Ursachen für die kardiorespiratorischen Veränderungen
musste vor der Diagnosestellung eines FES ausgeschlossen
werden. Klinisch wurde ein FES nach der Dauer der
Symptomatik in 4 Schweregrade eingeteilt (Grad O: kein
klinisches FES, Grad 1: Dauer der klinischen FES
Symptomatik bis 8 Std. post-OP, Grad 2: bis 24 Std.
post-OP, Grad 3: über 24 Std. post-OP, Grad 4:
Intubation/Beatmung postoperativ erforderlich).
Sämtliche
Daten sind in Mittelwerten und Standardabweichung
angegeben. Die statistische Analyse der
kardiorespiratorischen Daten beider Studien wurde mit
dem Wilcoxon-signed-rank-test durchgeführt. Die IOD und
Echodaten wurden auf Gruppenunterschiede mit dem
Mann-Whitney-Test geprüft. Das Signifikanzniveau wurde
mit einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 5% (p<0.05)
angenommen.
Ergebnisse
Studie I:
In den drei Gruppen wurden
unterschiedliche maximale IOD-Mittelwerte während den
einzelnen Operationsschritten registriert (Tab. 4). Die
mittleren Basisdruckwerte 1 und 2 waren in allen drei
Gruppen etwa gleich. Sie sind abhängig von der Lage des
Beines während der Operation. In der Position 1 lag der
IOD im Mittel bei 25 mm Hg (20-35 mm Hg) und in der
Position 2 um 30 mm Hg höher bei 55 mm Hg Mittelwert
(40-75 mm Hg).
Die mittleren
maximalen IOD-Werte zeigten während der Eröffnung des
Markraumes deutlich niedrigere Werte in der Gruppe 2 und
3 im Vergleich zur Gruppe 1, jedoch ohne statistische
Signifikanz. Die Präparation mit den Raspeln zeigte bei
der modifizierten OP-Technik der Gruppe 3 signifikant
niedrigere Werte im Vergleich zur konventionellen OP-Technik
der Gruppe 1. In keinem Fall kam es bei der
modifizierten Op-Technik während der Operation zur
Überschreitung der Druckwerte von 130 mm Hg während der
Eröffnung und von 100 mm Hg während der Präparation mit
den Raspeln.
Besonders hohe
Druckspitzen (bis zu 420 mm Hg) wurden hingegen bei der
konventionellen Op-Technik bei der raschen Einbringung
der Instrument in den Markraum (Sauger, Löffel, Raspeln)
beobachtet. Weiters traten bei der konventionellen Op-Technik
während des Aufraspelns mit den ersten Raspelgrössen
oder beim Raspeln mit den grossen Grössen ohne vorherige
Ausräumung des Knochenabraummaterials und gründliches
Ausspülen des Markraumes, wird beim Einbringen in die
Markhöhle der Sauger häufig verstopft und erzeugt dabei
regelmässig Druckspitzen bis zu 200 mm Hg. Beim
Entfernen der Raspeln kam es besonders bei der
konventionellen Op-Technik zu negativen Druckwerten bis
zu 100 mm Hg. Die Amplitude der Druckschwankung während
des Raspelvorganges betrug dann bis zu 300 mm Hg (Abb.
3).
Nach der
vollständigen Eröffnung des markraumes und dem damit
eingetretenen Druckausgleich zur distalen Messkanüle,
sank der Basisdruck auf unter 5 mm Hg in allen 3 Gruppen
und die pulssynchronen Schwankungen verschwanden. Die
auftretenden Druckspitzen während der Präparation
konnten jedoch weiter registriert werden (Abb. 5).
Bei der
Anwendung der distalen Entlastungsbohrung lagen die
mittleren maximalen IOD-Werte während der gesamten
Präparation deutlich unter denen der konventionellen
Gruppe und waren mit denen der modifizierten Op-Technik
vergleichbar. Durch das Raspeln ohne Auskürettieren des
Abraummaterials wurde die Entlastungskanüle jedoch
regelmässig verstopft und dadurch insuffizient. Bei
Anlegen eines zusätzlichen Vakuums in zwei Fällen sank
der Basisdruck unter 0 mm Hg und die Druckspitzen
konnten abgefangen werden. Die Verstopfung der Kanüle
trat jedoch noch häufiger auf als ohne Vakuum und eine
suffiziente Entlastung war dadurch immer nur kurzfristig
möglich. Zudem kam es nach der vollständigen Eröffnung
des Markraumes bei der Anwendung der Vakuumtechnik zum
Einsaugen der OP-Luft vom abgesetzten Schenkelhals über
die Markraumhöhle in das Vakuumsystem.
Der mittlere
IOD-Maximalwert während der Prothesenimplantation der
Gruppe 2 und 3 war statistisch signifikant niedriger als
in der Gruppe 1. Weiters stieg nach Einbringung der
Prothese und neuerlicher Abdichtung des Markraumes der
Basisdruck wieder bis zur ursprünglichen Höhe an und die
pulssynchronen Schwankungen konnten wieder beobachtet
werden. Diese neuerlichen pulssynchronen Schwankungen
wurden regelmässig am Ende der Präparation zur
Dokumentation der Funktionstüchtigkeit des Messsystems
überprüft.
Zu besonders
hohen kurzfristigen Druckspitzen (300 - 1.000 mm Hg bis
zu max. 2 sec.) kommt es bei der Spülung einer
verstopften Kanüle mit 1 - 5 ml Kochsalz. Diese
Druckspitzen treten nicht nur an der verstopften
Kanülenspitze auf, sondern lassen sich auch im Markraum
mit einer zweiten Messkanüle während des Spülvorganges
der verstopften Kanüle nachweisen.
Ergebnisse
Studie II:
Die IOD-Messungen ergaben
vergleichbare Werte mit denen im Teil I der Studie (Tab.
5). Durch das hämodynamische Monitoring in der Studie II
zeigte sich, dass der Basisdruck auch vom systemischen
Blutdruck abhängig ist. Bei zwei hypertonen Krisen mit
intraoperativen systolischen Blutdruckwerten von über
200 mm Hg konnten wir einmal einen deutlich erhöhten
Basisdruck 1 von 65 mm Hg und einmal einen Anstieg des
Basisdruck 2 von 60 mm Hg auf 85 mm Hg ohne Veränderung
der Lage des Beines beobachten. Nach Beherrschen der
hypertonen Krise kam es wieder zur Normalisierung der
Basisdruckwerte. Andererseits lag bei hypotonen
Blutdruckwerten unter 100 mm Hg der Basisdruck 1 immer
unter 25 mm Hg.
Aufgrund der
hohen Druckspitzen bei der Spülung der Messkanüle im 1.
Teil der Studie wurde nur noch mit 1 ml Kochsalz langsam
gespült. Die Druckspitzen lagen dabei bis max. 700 mm
Hg. Alle anderen Beobachtungen und Messungen deckten
sich mit denen im Teil I der Studie.
Die Echos im
rechten Vorhof traten mit einer Zeitverzögerung bis zu
30 Sek. immer in einem eindeutigen zeitlichen
Zusammenhang mit IOD-Spitzen auf. Die Mittelwerte der
maximalen Echos in den beiden Gruppen während den
einzelnen Präparationsschritten sind in Tabelle 5
angeführt. Die mittleren Maximalechos sind während allen
Phasen in der modifiziert operierten Gruppe niedriger.
Echos 1. und 2. Grades traten jedoch in beiden Gruppen
bei allen Patienten auf. Echos 3. Grades (Schneegestöber)
und Echos 4. Grades (Makroembolus) traten deutlich
häufiger in der konventionell operierten Gruppe auf. Die
Unterschiede der mittleren Maximalechos der
modifizierten gegen die konventionelle Gruppe waren in
der Raspelgruppe 3 statistisch signifikant (Tab. 5).
Die Dauer der
Echos war unterschiedlich und lag zwischen wenigen
Sekunden (Spülung der Kanüle) bis zu mehreren Minuten.
Während der Präparation mit den Raspeln traten in den
meisten konventionell operierten Fällen dauernd Echos
verschiedenen Grades auf. Lediglich die auftretenden
Echos mit mehreren Minuten Dauer, die nach dem
Positionswechsel des Beines von der Position 2 zur
Position 1 nach Beendigung der Präparation bei der
Reposition und der folgenden Stabilitätsprüfung
regelmässig registriert wurden, standen in keinem
direkten Zusammenhang mit IOD-Veränderung (Abb. 5).
Während der
Präparation der Pfanne konnten auch Echos Grad 1 bis 3
nachgewiesen werden. Teilweise waren diese Echos
infusionsbedingt, aber auch nach Abdrehen der Infusionen
konnten Ausschüttungsechos während der
Pfannenpräparation registriert werden. Ein wesentlicher
Unterschied zwischen den verwendeten zementfreien
Steckfüsschenpfannen vom Typ KS und den Schraubpfannen
vom Typ Zweymüller konnte dabei nicht beobachtet werden.
Insgesamt waren die Echos während der Pfannenpräparation
im Vergleich zur Schaftpräparation beinahe zu
vernachlässigen. Da eine simultane IOD-Messung im
Azetabulum nicht durchgeführt wurde und ein
durchgehender Infusionsstop während der
Pfannenpräparation aus Narkosegründen nicht möglich war,
haben wir keine quantitative Analyse der Echos während
der Pfannenpräparation durchgeführt.
Der
Ausgangswert des Gurd-Tests vor Präparation war in allen
Fällen negativ. Während der Schaftpräparation wurden
zwischen 1 und 3 Gurd-Tests durchgeführt (Abb. 2). Die
Trefferquote mit positivem Befund lag dabei nur bei 31%.
Der Gurd-Test nach der Probereposition ergab hingegen in
69% der Fälle ein positives Ergebnis. Der
Abschluss-Gurd-Test, der nach Beendigung der
Hauptausschüttung nach der Prothesenimplantation
durchgeführt wurde, ergab in 46% der Fälle noch einen
positiven Befund (Abb. 7).
Die
Veränderungen des Blutbildes (Hämoglobin, Erythrozyten,
Leucozyten, Thrombozyten) und des Differentialblutbildes
ergab keine besonderen Auffälligkeiten im Vergleich zum
präoperativen Ausgangswert oder während der 24 Stunden
intra- und postoperativ.
Die Auswertung
der für das FES relevanten kardiorespiratorischen
Parameter gibt die Tabelle 6 wieder. Die präoperativ
erhobenen kardiorespiratorischen Werte waren alle im
Normbereich. Intraoperativ kam es zwischen den Gruppen
mit konventioneller und modifizierter Op-Technik zu
keinen wesentlichen Unterschieden der Herzfrequenz (HF),
des mittleren arteriellen Blutdrucks (MAP), des
Herzminutenvolumens (HMV), des mittleren
Pulmonalarteriendruckes (PAMP) und der Auswurffraktion
pro Herzschlag (EF), dem Sauerstoffpartialdruck (paO2),
der pulsoxymetrischen arteriellen Sauerstoffsättigung
(paSO2) und den Säurebasenhaushalt. Obwohl das
endexpiratorische CO2 (ETCO2) in der konventionell
operierten Gruppe im Mittel um 2 mm Hg intraoperativ
abgefallen war, konnte damit keine Signifikanz erreicht
werden (Tab. 6).
Beim Vergleich
der postoperativen Messungen war zum Zeitpunkt post 2
und post 3 bei der konventionellen Op.Technik der
mittlere Pulmonalarteriendruck (PAMP) signifikant höher
und der arterielle Sauerstoffpartialdruck (paO2)
signifikant niedriger als der präoperative Ausgangswert.
Zu allen drei postoperativen Zeitpunkten war bei der
konventionell operierten Gruppe die Pulsoximetrie
signifikant niedriger und die Atemfrequenz (AF)
signifikant höher als der präoperative Ausgangswert. Bis
auf einen signifikanten Anstieg der Herzfrequenz (HF)
zum Zeitpunkt post 3, zeigten die übrigen Parameter
(paCO2) und MAP) keine wesentliche Veränderung. Während
der beiden Provokationstests ohne Sauerstoffinsufflation
(Abb. 5) entwickelte sich bei allen Patienten der
konventionell operierten Gruppe, aber nur bei einem der
modifiziert operierten Gruppe, eine schwere
respiratorische Insuffizienz. Diese äusserte sich auch
in einer signifikant höheren postoperativen Atemfrequenz
in der konventionell operierten Gruppe. Im Gegensatz zur
konventionellen Op-Technik fanden sich in der
modifiziert operierten Gruppe keinerlei signifikante
Veränderungen der kardiorespiratorischen Parameter (Tab.
6).
Bei allen
Patienten der Gruppe 1 mit konventioneller Technik,
jedoch nur bei einem Patienten der Gruppe 2 mit
modifizierter Technik entwickelte sich ein klinisch
unterschiedlich ausgeprägtes FES nach den angegebenen
Klinischen FES-Kriterien. Während in der modifizierten
Gruppe nur ein Patient ein FES Grad 2 entwickelte, wurde
in der konventionell operierten Gruppe bei zwei
Patienten ein FES Grad 2 und bei 3 Patienten ein FES
Grad 3 beobachtet. Dieser Verteilungsunterschied es
FES-Schweregrades zwischen den beiden Gruppen war
statistisch signifikant (Tab. 7).
Bei den
Patienten mit klinisch manifestem FES wurden andere
Ursachen klinisch, laborchemisch und röntgenologisch
ausgeschlossen. In allen Fällen waren die Veränderungen
reversibel und wurden subjektiv von den Patienten kaum
wahrgenommen. In einem Fall musste die Patientin jedoch
wegen der hohen Pulmonalarteriendrucke für 2 Tage auf
einer Intensivstation behandelt werden. Dabei kam es
auch zu reversiblen indirekten röntgenologischen Zeichen
einer Lungenembolie, die auch in der
Ventilationsszintigraphie bestätigt werden konnten. Nach
4 Tagen hatten sich alle Werte und auch die
Veränderungen im Röntgen wieder normalisiert. Eine
thrombotische Pulmonalembolie konnte als Ursache der
Veränderungen ausgeschlossen werden. In allen anderen
Fällen mit klinisch manifestem FES genügte die
Insufflation mit Sauerstoff und die Überwachung der
kardiorespiratorischen Parameter bis zur Normalisierung
der pathologischen Werte.
Diskussion:
Nach posttraumatischen Zuständen mit
Frakturen der langen Röhrenknochen ist das FES eine seit
über 100 Jahren bekannte und gefürchtete Komplikation
21. Anders ist die Situation in der elektiven
Endoprothetik der grossen Gelenke, bei der ein FES mit
Todesfolge eine Seltenheit darstellt. Da in der
Orthopädie ein FES ausschliesslich iatrogen durch den
operativen Eingriff entsteht, ist ein perioperativer
FES-Todesfall ein besonders dramatisches Ereignis.
Der kausale
Zusammenhang zwischen IOD-Steigerungen im Femur und der
Fettmarksausschüttung in die Blutstrombahn ist
inzwischen in mehreren tierexperimtellen 5,9,16,22 und
klinischen Studien 17 bewiesen. Wenda 23 postulierte den
Zusammenhang zwischen verdrängtem Volumen und Quantität
der Fettmarksausschüttung im Tierexperiment. In
Anbetracht des grossen Volumens (15-45 cm3) von
zementfreien Raspeln und Hüftendoprothesen, waren die
gemessenen IOD-Spitzen im Vergleich zu den bei
zementierten Hüft-TEP gemessenen Werten bis zu 3.000 mm
Hg 6,24 jedoch eher niedrig.
Entscheidend
für die Entwicklung IOD-Spitzen ist das Prinzip der
Fahrradpumpe, bei der der Kolben dicht mit der Hülse
abschliesst 23. Bei der zementierten Hüft-TEP übernimmt
der Knochenzement die Rolle der Abdichtung 16, bei der
konventionellen zementfreien Hüft-TEP dichtet die
Spongiosa und das Knochenabraummaterial die Raspeln und
Prothesen ab 19. Nachdem im Femur der Hauptanteil der
Spongiosa proximal liegt und der Schaft nur spärlich
Spongiosa enthält, zeigten die intertrochantere Öffnung
des Markraumes und die ersten beiden Raspeln die
höchsten IOD-Werte. Bei den anderen Raspeln kann man
während der Präparation das Entweichen des Fettmarkes
nach proximal beobachten. Dabei werden jedoch keine
wesentlichen IOD-Spitzen mehr registriert. Gefährlich
wird die Situation erst wieder, wenn genügend
Knochenabraummaterial die Raspeln abdichtet und damit
das Abfliessen des Fettmarkes nach proximal verhindert
wird. Die letzten beiden Raspeln erzeugen daher
regelmässig wieder höhere IOD-Werte.
Diese
Beobachtungen und die gleichzeitige Registrierung der
IOD-Spitzen führte uns zur Entwicklung der modifizierten
OP-Technik zur Vermeidung des "Fahrradpumpeneffektes".
In der Praxis hat sich die modifizierte Op-Technik als
wenig aufwendiges und effizientes Verfahren bewährt.
Nachdem für eine verbesserte Osteointegration der
Prothese bei Belassung des Knochenabraummaterials keine
schlüssigen Beweise vorliegen 25, empfehlen wir die
sorgfältige Entfernung des Knochenabraummaterials nach
jedem Arbeitsgang.
Ähnlich
niedrige IOD-Werte wie die modifizierte Op-Technik
erzielte die konventionelle Technik mit distaler
Entlastungsbohrung. Der zusätzliche Eingriff am distalen
Femur, die ständig mit Knochenabraummaterial verstopfte
Entlastungskanüle und das Einsaugen der Op-Luft über den
proximalen Femur in die Markraumhöhle (Gefährdung der
Sterilität) haben uns veranlasst, dieses Verfahren nur
viermal im Rahmen der Studie anzuwenden und können es
für die Praxis nicht empfehlen. Beeindruckend dabei war
die Beobachtung, dass bei Nichtanlegen eines Vakuums,
der Markrauminhalt über die Entlastungskanüle unter
grossem Druck synchron zu den registrierten IOD-Spitzen
herausspritzte.
Die in der
zementierten Endoprothetik erreichten IOD-Spitzen werden
in der zementfreien Hüftendoprothetik bei weitem nicht
erreicht. Die in unserer Studie maximal gemessene
IOD-Spitze bei der Präparation betrug 420 mm Hg. Die
IOD-Schwankungen bewegten sich hauptsächlich im Bereich
zwischen 100 und 200 mm Hg. Im Tierexperiment 9,16 und
bei zementfreien Knie-TEP 17 konnte jedoch schon in
früheren Studien der Nachweis erbracht werden, dass es
in diesen niedrigen IOD-Bereichen zu
Fettmarksausschüttungen kommt. Neben der Höhe der
IOD-Veränderungen spielt die Dauer der Druckerhöhung für
die Quantität der Ausschüttung eine entscheidende Rolle.
Bei der zementierten Hüft-TEP beträgt der kritische
Zeitraum der Zementeinbringung und der
Prothesenimplantation jeweils nur wenige Sekunden 6,26
und die vorhergehende Präparation des Markraumes dauert
hierbei nur kurz. Ganz anders verhält sich die Situation
in der zementfreien Hüft-TEP, bei der eine exakte
Präparation des Markraumes zur formschlüssigen Aufnahme
der Prothese bis zu 20 Minuten dauern kann. Während
dieser langen Präparationszeit kommt es ständig zu
Fettmarksausschüttungen verschiedenen Grades, wobei die
Quantität der Ausschüttung bei den einzelnen IOD-Spitzen
sicherlich unter den Werten der zementierten Hüft-TEP
liegt. Die Gesamtmenge der Ausschüttung während der
zementfreien Operation liegt aber wahrscheinlich,
bedingt durch die lange Präparationsdauer, in einem
ähnlichen Bereich wie bei der zementierten Technik. Eine
echte zeitliche und quantitative Analyse der IOD-Werte
in Korrelation zur Fettmarksausschüttung war jedoch
bisher in keiner klinischen Studie möglich und lässt
sich auch sicherlich nur in einem Tierversuch
verwirklichen.
Entscheidend
für die modifizierte Op-Technik war die Tatsache, dass
nur kurz während der Eröffnung der proximalen
Markraumhöhle IOD-Spitzen bis zu 130 mm Hg auftraten
aber während der langen Präparation mit den Raspeln der
IOD nie über 100 mm Hg anstieg. Der maximale Mittelwert
des IOD der modifizierten Op-Technik lag dabei während
der Eröffnungsphase deutlich und während der Präparation
mit den Raspeln signifikant unter den Werten der
konventionellen Op-Technik.
Die Verwendung
der TEE zum Nachweis von Fettmarksausschüttungen hat
sich in tierexperimentellen 9 und klinischen
Untersuchungen 7,8 bewährt. Der unmittelbare zeitliche
Zusammenhang der registrierten Echos mit den IOD-Spitzen
war auch in unserer Studie ein weiterer Beweis für den
Zusammenhang IOD und Fettmarksausschüttung. Das Substrat
für die Echos Grad 4 (makroskopischer Embolus) konnte
bereits Wenda im Tierexperiment eindrucksvoll mit bis zu
drei Zentimetern grossen Emboli histologisch nachweisen
9. Die Emboli bestanden zentral aus Knochenmarksmaterial
umgeben von Thrombozytenaggregaten. Die Echos Grad 1 bis
3 werden jedoch kontroversiell als Artefakte, Luft oder
Mikroemboli diskutiert 7,8,9. Mit dem Gurd-Test ist es
uns gelungen, das Substrat für die registrierten Echos
Grad 1 - 3 erstmals nachzuweisen. Die Echos entsprachen
Mikroemboli bestehend aus Fettmarksglobuli bis 100 µm
(Abb. 7). Echos 1. und 2. Grades können jedoch auch
durch Infusionen erzeugt werden und lassen sich
echographisch von Mikroemboli nicht unterscheiden. In
unserer Studie wurden deshalb während der
Schaftimplantation alle Infusionen abgedreht, um keine
Störung durch Infusionsartefakte zu erhalten. Eine echte
quantitative Beurteilung der Fettmarksausschüttung ohne
vergleichendes morphologisches Substrat der
Fettemarksemboli in der Lunge erscheint nur bedingt
möglich zu sein. In unserer Studie haben wir uns deshalb
bei der Beurteilung der Echos eine semiquantitative
Einteilung verwendet.
Bei der
Beurteilung der Ultraschallechos waren die maximalen
Mittelwert-Echos während allen Präparationsschritten in
der modifziert operierten Gruppe niedriger als in der
konventionell operierten Gruppe, wobei der Unterschied
für die Raspelgruppe 3 statistisch signifikant war. Dies
stand in Übereinstimmung mit den IOD-Ergebnissen und
ergab eine Korrelation zwischen IOD und der TEE. Eine
wichtige Erkenntnis war jedoch, dass bei allen
untersuchten Hüft-TEP Echos Grad 1 und 2 beobachtet
werden konnten. Das Ausmass der Ausschüttung unterschied
sich zwischen den beiden Gruppen am deutlichsten bei den
Echos 3. und 4. Grades, die wesentlich häufiger in der
konventionell operierten Gruppe auftraten.
Das
regelmässige Auftreten von massiven Echos Grad 3 und 4
bei der Reposition und und Stabilitätsprüfung, bei der
keine nennenswerten IOD-Spitzen registriert werden
konnten, lässt sich durch die Ausschwemmung von
angesammeltem Fettmarksmaterial in den Sinusoiden des
Femurs und den abführenden Gefässen während der
Präparation erklären. Durch die in der Position 2
vorhandene Abflussbehinderung konnte das Material
während der Schaftpräparation nur teilweise
abtransportiert werden. Beim Ausstrecken des Beines in
die Position 1 und dem anschliessenden Durchbewegen der
Extremität bei der Stabilitätsprüfung kommt es dann zum
Ausschütten des angestauten Materials in die grossen
abführenden Venen. Die kritischen Phasen der
Fettmarksausschüttung in der konventionellen
zementfreien Hüftendoprothetik sind daher alle
Präparationsphasen und die Reposition. Im Gegensatz dazu
kommt es bei der modifizierten Technik nur während der
Eröffnung des Markraumes und der Reposition zu
Ausschüttungen.
Die
beobachteten Echos während der Pfannenpräparation wurden
zwar nicht quantitativ ausgewertet, waren jedoch viel
weniger häufig und intensiv als bei der
Schaftpräparation. Sie traten auch nicht in allen Fällen
auf und waren immer zur kurzfristig bis maximal Grad 3.
Im Verhältnis zu der beobachteten Ausschüttung während
der Schaftpräparation, spielt die Ausschüttung während
der Pfannenpräparation eine unbedeutende Rolle.
Wir fanden
keine Veränderungen des Blutbildes. Insbesondere war
kein Thrombozytensturz, der als Folge der
Gerinnungsaktivierung durch die Fettmarksbestandteile
angesehen wird 16, zu beobachten. Wahrscheinlich war im
Gegensatz zu den anderen Studien 12, 27, das Ausmass der
Fettmarksausschüttung in unserer Studie zu gering, um
eine solche Veränderung zu bewirken.
Die
kardiorespiratorischen Veränderungen nach
Fettmarksausschüttungen in die Blutstrombahn sind in
tierexperimentellen 5,16,28 und klinischen Arbeiten
2,7,8,13,17,29 gut dokumentiert. Das in unserer Studie
verwendete kardiorespiratorische Monitoring entspricht
den derzeitigen klinischen Möglichkeiten. Das invasive
Vorgehen mit Pulmonalarterienkatheter ist jedoch
sicherlich nur kleinen Studien vorbehalten und lässt
sich nicht routinemässig in die klinische Praxis
umsetzen. Aufgrund des grossen Aufwandes war es uns
daher nicht möglich, eine grössere Patientenanzahl für
diese Studie zu untersuchen.
Besondere
Bedeutung ordneten wir dem Vergleich des präoperativen
Ausgangswertes mit dem postoperativen 24 Stunden-Wert zu,
da zu diesem Zeitpunkt nicht FES bedingte
kardiorespiratorische Veränderungen infolge des
operativen Eingriffs und der Narkose sehr
unwahrscheinlich waren. Bei 5 Patienten mit manifestem
FES war kein therapeutisches Eingreifen ausser einer
Sauerstoffinsufflation und kontinuierlicher Überwachung
notwendig. Bei einer 54-jährigen Patientin der
konventionell operierten Gruppe mit deutlich erhöhten
mittleren Pulmonalisdrucken und einer über 24 Stunden
persistierenden manifesten respiratorischen Insuffizienz
(Abb. 6) war eine Transferierung auf die Intensivstation
nötig. Die pathologischen Befunde normalisierten sich
bei allen Patienten wieder völlig.
In der
konventionell operierten Gruppe kam es zur statistisch
signifikanten postoperativen Verschlechterung der
kardiorespiratorischen Werte im Vergleich zum
präoperativen Ausgangswert (Sauerstoffsättigung (paSO2),
arterieller Sauerstoffpartialdruck (paO2), Atemfrequenz
(AF) und mittlerer Pulmonalarteriendruck). Diese
Veränderungen korrelierten mit dem Schweregrad des FES
in der konventionell operierten Gruppe.
In der
modifiziert operierten Gruppe kam es im Gegensatz dazu
zu keinen statistisch signifikanten Veränderungen der
kardiorespiratorischen Parameter. Dies bestätigt auch
klinisch die Effizienz der modifizierten
Operationstechnik.
In unserer
Studie bestand in der postoperativen Phase eine gute
Korrelation zwischen den nichtinvasiven Parametern (Pulsoxmetrische
Sauerstoffsättigung (paSO2) und Atemfrequenz) und den
invasiven Parametern (mittlerer Pulmonalarteriendruck (PAMP)
und arterieller Blutgasanalyse). Dieses Ergebnis
bestätigt, dass in der postoperativen Phase nach
Hüft-TEP ein nichtinvasives Monitoring der Atemfrequenz
und der Sauerstoffsättigung mit dem Pulsoxymeter zur
Früherkennung eines FES geeignet ist 17.
Schlussfolgerungen:
-
Die
Ausschüttung von Fettmarksanteilen in die
Blutstrombahn als Folge der Erhöhung des
intraossären Druckes ist bei allen untersuchten
Hüft-TEP nachgewiesen.
-
Diese
Fettmarksausschüttung führt zu kardiopulmonalen
Veränderungen, die in den meisten Fällen jedoch
harmlos sind und sich innerhalb von 24 Stunden
wieder zurückbilden. Bei massiver
Fettmarksausschüttung und eingeschränkter
kardiorespiratorischer Reserve kann das FES jedoch
auch tödlich enden. Zur Verhinderung eines FES ist
daher die Reduzierung der Fettmarksausschüttung
entscheidend.
-
Mit der
modifizierten Op-Technik konnten wir zeigen, dass
die intraossären Druckspitzen, die
Fettmarksausschüttungen sowie die
kardiorespiratorischen Verschlechterungen
signifikant geringer waren als mit der
konventionellen Op-Technik. Wir empfehlen daher die
Anwendung der modifizierten Op-Technik in der
zementfreien Hüftendoprothetik.
-
Eine
kausale Therapie des FES ist nicht möglich. Die
frühzeitige Erkennung ist von entscheidender
Bedeutung für eine rechtzeitige intensivmedizinische
Behandlung. Wir fordern daher für die Endoprothetik
eine intraoperative Überwachung mit der Kapnometrie
und eine postoperative Überwachung über 24 Stunden
mit dem Pulsoxymeter zur frühzeitigen Erkennung
eines FES.
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